Buch der Weisheit
Kapitel 1
1 Liebt die Gerechtigkeit, ihr Richter der Erde, denkt über den Herrn in Güte und sucht ihn in Einfalt des Herzens.
2 Denn er lässt sich finden von denen, die ihn nicht versuchen, und offenbart sich denen, die ihm nicht misstrauen.
3 Denn verkehrte Gedanken trennen von Gott, und die Macht, wenn sie geprüft wird, überführt die Toren.
4Denn in eine arglistige Seele wird die Weisheit nicht eingehen, noch wird sie wohnen in einem Leib, der der Sünde verschuldet ist.
5 Denn der heilige Geist der Zucht flieht den Trug und weicht von unverständigen Gedanken und wird zurückgescheucht, wenn Unrecht herannaht.
6 Denn ein menschenfreundlicher Geist ist die Weisheit, und sie lässt den Lästerer wegen seiner Lippen nicht ungestraft; denn Gott ist Zeuge seiner Nieren und wahrhaftiger Aufseher seines Herzens und Hörer seiner Zunge.
7 Denn der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, und der, welcher das All zusammenhält, hat Kenntnis von jedem Laut.
8 Darum wird keiner, der Unrechtes redet, verborgen bleiben, noch wird das strafende Gericht an ihm vorübergehen.
9 Denn über die Anschläge des Gottlosen wird Untersuchung gehalten werden, und die Kunde seiner Worte wird zum Herrn dringen zur Überführung seiner Gesetzlosigkeiten;
10 denn ein eiferndes Ohr hört alles, und das Gemurmel des Murrens bleibt nicht verborgen.
11 Hütet euch also vor unnützem Murren und bewahrt die Zunge vor Verleumdung; denn kein heimliches Wort geht leer dahin, und ein lügnerischer Mund vernichtet die Seele.
12 Trachtet nicht nach dem Tod im Irrweg eures Lebens und zieht nicht das Verderben herbei durch die Werke eurer Hände;
13 denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat kein Gefallen am Untergang der Lebenden.
14 Denn er hat alles zum Sein geschaffen, und heilsam sind die Geschöpfe der Welt, und es ist in ihnen kein Gift des Verderbens, noch gibt es ein Reich des Hades auf Erden.
15 Denn die Gerechtigkeit ist unsterblich.
16 Die Gottlosen aber riefen ihn herbei mit Händen und Worten; da sie ihn für einen Freund hielten, verzehrten sie sich nach ihm und schlossen einen Bund mit ihm, denn sie sind es wert, seinem Teil anzugehören.
Kapitel 2
1 Denn sie sprachen bei sich selbst, indem sie unrichtig überlegten: Kurz und mühselig ist unser Leben, und es gibt keine Heilung beim Ende des Menschen, und man kennt keinen, der aus dem Hades zurückgekehrt wäre.
2 Denn durch Zufall sind wir geworden, und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen; denn Rauch ist der Atem in unseren Nasen, und das Denken ein Funke beim Schlagen unseres Herzens;
3 ist er erloschen, so wird der Leib zu Asche zerfallen, und der Geist wird sich zerstreuen wie dünne Luft.
4 Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden, und niemand wird sich unserer Werke erinnern; und unser Leben wird vorübergehen wie die Spur einer Wolke und sich auflösen wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verjagt und von ihrer Hitze niedergedrückt wird.
5 Denn ein Vorüberziehen eines Schattens ist unsere Zeit, und es gibt keine Umkehr von unserem Ende, denn es ist versiegelt, und niemand kehrt zurück.
6 Kommt also und lasst uns die vorhandenen Güter genießen und die Schöpfung eifrig gebrauchen wie in der Jugend!
7 Mit kostbarem Wein und Salben lasst uns uns füllen, und keine Frühlingsblume soll uns entgehen; 8 lasst uns uns mit Rosenknospen bekränzen, ehe sie verwelken;
9 keiner von uns sei ohne Anteil an unserem Übermut; überall lasst uns Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen, denn das ist unser Anteil und dies unser Los.
10 Lasst uns den gerechten Armen unterdrücken, die Witwe nicht verschonen und uns nicht scheuen vor den altersgrauen Haaren des Greises;
11 unsere Stärke aber sei das Gesetz der Gerechtigkeit, denn das Schwache erweist sich als nutzlos.
12 Lasst uns dem Gerechten auflauern, denn er ist uns unbequem und widersetzt sich unseren Werken und wirft uns Verstöße gegen das Gesetz vor und bezichtigt uns der Verfehlungen gegen unsere Erziehung;
13 er rühmt sich, Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich selbst einen Knecht des Herrn;
14 er ist uns zum Vorwurf unserer Gedanken geworden; schon sein Anblick ist uns lästig,
15 denn sein Leben gleicht nicht dem der anderen, und seine Wege sind ganz verschieden.
16 Für falsche Münze gelten wir ihm, und er hält sich fern von unseren Wegen wie von Unreinheiten; er preist das Ende der Gerechten selig und prahlt, Gott sei sein Vater.
17 Lasst uns sehen, ob seine Worte wahr sind, und prüfen, wie es bei seinem Ausgang um ihn steht;
18 denn wenn der Gerechte Gottes Sohn ist, wird er sich seiner annehmen und ihn aus der Hand seiner Widersacher retten.
19 Mit Schmach und Folter wollen wir ihn prüfen, damit wir seine Sanftmut erkennen und seine Geduld erproben;
20 zu einem schmählichen Tod wollen wir ihn verurteilen, denn nach seinen Worten wird ihm ja Beistand zuteilwerden.
21 So dachten sie und irrten; denn ihre Bosheit machte sie blind,
22 und sie erkannten die Geheimnisse Gottes nicht, noch hofften sie auf den Lohn der Frömmigkeit, noch achteten sie auf die Ehrengabe für makellose Seelen.
23 Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Bild seiner eigenen Ewigkeit gemacht;
24 durch den Neid des Teufels aber kam der Tod in die Welt, und es erfahren ihn die, die zu dessen Anteil gehören.
Kapitel 3
1 Die Seelen der Gerechten aber sind in Gottes Hand, und keine Qual wird sie berühren.
2 In den Augen der Toren schienen sie tot zu sein, und ihr Hinscheiden wurde als Unglück angesehen
3 und ihr Weggang von uns als Vernichtung; sie aber sind im Frieden.
4 Denn auch wenn sie in den Augen der Menschen gestraft wurden, ist ihre Hoffnung voll Unsterblichkeit;
5 und nachdem sie ein wenig gezüchtigt wurden, werden sie große Wohltaten empfangen, denn Gott hat sie geprüft und sie seiner würdig befunden;
6 wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt und wie ein Ganzopfer hat er sie angenommen.
7 Und zur Zeit ihrer Heimsuchung werden sie aufleuchten und wie Funken im Stroh umherlaufen;
8 sie werden Völker richten und über Nationen herrschen, und der Herr wird über sie König sein in Ewigkeit.
9 Die auf ihn vertrauen, werden die Wahrheit verstehen, und die Treuen werden in Liebe bei ihm bleiben; denn Gnade und Erbarmen wird seinen Auserwählten zuteil.
10 Die Gottlosen aber werden, wie sie es gedacht haben, ihre Strafe erhalten, sie, die den Gerechten missachtet haben und vom Herrn abgefallen sind;
11 denn wer Weisheit und Zucht verachtet, ist elend, und leer ist ihre Hoffnung, und ihre Mühen sind vergeblich, und unnütz sind ihre Werke;
12 ihre Frauen sind töricht, und böse sind ihre Kinder, verflucht ist ihre Nachkommenschaft.
13 Denn selig ist die Unfruchtbare, die unbefleckt ist, die kein Lager in Verfehlung gekannt hat; sie wird Frucht empfangen bei der Heimsuchung der Seelen,
14 und selig der Eunuch, der mit seiner Hand kein Unrecht getan noch Böses gegen den Herrn ersonnen hat; denn ihm wird für seine Treue eine auserlesene Gnade gegeben werden und ein köstlicheres Erbteil im Tempel des Herrn.
15 Denn die Frucht guter Mühen ist ruhmvoll, und unvergänglich ist die Wurzel der Einsicht.
16 Die Kinder von Ehebrechern aber werden nicht zur Reife gelangen, und der Same aus gesetzwidrigem Lager wird vertilgt werden.
17 Denn auch wenn sie lange leben, werden sie für nichts geachtet, und ehrlos wird am Ende ihr Alter sein;
18 und wenn sie rasch sterben, werden sie keine Hoffnung haben und keinen Trost am Tag des Gerichts;
19 denn eines ungerechten Geschlechts Ende ist hart.
Kapitel 4
1 Besser ist Kinderlosigkeit mit Tugend; denn Unsterblichkeit liegt in ihrem Andenken, weil sie sowohl bei Gott als auch bei den Menschen erkannt wird.
2 Ist sie gegenwärtig, ahmt man sie nach, und ist sie dahingegangen, sehnt man sich nach ihr; und in der Ewigkeit zieht sie kranztragend im Triumph einher, da sie im Wettkampf um die unbefleckten Kampfpreise gesiegt hat.
3 Die kinderreiche Menge der Gottlosen aber wird nichts nützen und wird aus unechten Ablegern keine Wurzel in die Tiefe treiben noch einen sicheren Stand gründen;
4 denn wenn sie auch für eine Zeit in Zweigen aufblüht, wird sie, unsicher stehend, vom Wind erschüttert und von der Gewalt der Winde entwurzelt werden.
5 Die unreifen Zweige werden ringsum abgebrochen werden, und ihre Frucht ist unbrauchbar, unreif zum Essen und zu nichts tauglich;
6 denn Kinder, die aus gesetzlosem Beischlaf gezeugt werden, sind Zeugen der Bosheit gegen ihre Eltern bei deren Verhör.
7 Der Gerechte aber, auch wenn er früh stirbt, wird in der Ruhe sein;
8 denn ehrwürdiges Alter ist nicht das langlebige und wird nicht nach der Zahl der Jahre gemessen,
9 sondern Einsicht ist für die Menschen graues Haar, und ein makelloses Leben ist reifes Alter.
10 Weil er Gott wohlgefällig war, wurde er geliebt, und da er unter Sündern lebte, wurde er entrückt;
11 er wurde hinweggenommen, damit nicht Bosheit seine Einsicht verkehre oder Trug seine Seele täusche;
12 denn die Verblendung der Schlechtigkeit verdunkelt das Gute, und der Taumel der Begierde untergräbt den arglosen Sinn.
13 In kurzer Zeit vollendet, hat er lange Zeiten erfüllt;
14 denn seine Seele war dem Herrn wohlgefällig, darum eilte er hinweg aus der Mitte der Bosheit. Die Völker aber sahen es und verstanden es nicht und nahmen sich solches nicht zu Herzen,
15 dass Gnade und Erbarmen bei seinen Auserwählten ist und Fürsorge bei seinen Heiligen.
16 Der gestorbene Gerechte aber wird die lebenden Gottlosen verurteilen, und die schnell vollendete Jugend das langjährige Alter des Ungerechten;
17 denn sie werden das Ende des Weisen sehen und nicht verstehen, was der Herr über ihn beschlossen hat und wozu er ihn in Sicherheit gebracht hat.
18 Sie werden es sehen und verachten; der Herr aber wird sie verlachen,
19 und danach werden sie zu einem ehrlosen Leichnam werden und zum Gespött unter den Toten auf ewig; denn er wird sie stumm kopfüber niederschmettern und sie aus ihren Grundfesten erschüttern, und bis zuletzt werden sie verwüstet daliegen und in Pein sein, und ihr Andenken wird vergehen.
20 Verzagt werden sie kommen bei der Abrechnung ihrer Sünden, und ihre Gesetzesübertretungen werden ihnen entgegentreten und sie überführen.
Kapitel 5
1 Dann wird der Gerechte mit großer Freimütigkeit dastehen vor dem Angesicht derer, die ihn bedrängt und seine Mühen verachtet haben.
2 Wenn sie ihn sehen, werden sie von schrecklicher Furcht erschüttert werden und außer sich geraten über das Unerwartete seiner Rettung.
3 Sie werden reumütig bei sich selbst sprechen und aus Beklemmung des Geistes seufzen und sagen:
4 „Dieser war es, den wir Toren einst zum Gespött hatten und zum Spottbild der Schmähung; sein Leben hielten wir für Wahnsinn und sein Ende für ehrlos.
5 Wie ist er unter die Söhne Gottes gezählt worden, und wie ist sein Erbteil unter den Heiligen?
6 Wahrlich, wir sind vom Weg der Wahrheit abgeirrt, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht geleuchtet, und die Sonne ist uns nicht aufgegangen.
7 Wir haben uns gesättigt auf den Pfaden der Gesetzlosigkeit und des Verderbens und sind durch unwegsame Wüsten gezogen, den Weg des Herrn aber haben wir nicht erkannt.
8 Was hat uns der Hochmut genützt? Und was hat uns Reichtum samt Prahlerei eingebracht?
9 Das alles ist vorübergegangen wie ein Schatten und wie eine vorbeieilende Botschaft;
10 wie ein Schiff, das durch wogendes Wasser fährt: Ist es hindurchgezogen, so ist keine Spur davon zu finden noch die Bahn seines Kiels in den Wellen;
11 oder wie von einem Vogel, der durch die Luft fliegt, kein Zeichen seines Weges gefunden wird: Vom Schlag der Schwingen gepeitscht, wird die leichte Luft, mit Gewalt vom Sausen der bewegten Flügel zerteilt, durchquert, und danach findet sich kein Merkmal seines Durchzugs in ihr;
12 oder wie, wenn ein Pfeil auf ein Ziel geschossen wird, die zerteilte Luft sich sogleich wieder in sich selbst schließt, sodass man seinen Durchgang nicht mehr erkennt:
13 So sind auch wir, kaum geboren, dahingeschwunden und hatten kein Zeichen von Tugend vorzuweisen, sondern wurden in unserer Bosheit aufgezehrt.“
14 Denn die Hoffnung des Gottlosen ist wie Spreu, die vom Wind getragen wird, und wie feiner Reif, vom Sturm verjagt, und wie Rauch, vom Wind zerstreut, und ist vergangen wie die Erinnerung an einen Gast, der nur einen Tag bleibt.
15 Die Gerechten aber leben in Ewigkeit, und ihr Lohn ist beim Herrn, und die Sorge um sie beim Höchsten.
16 Darum werden sie das Königreich der Herrlichkeit und das Diadem der Schönheit aus der Hand des Herrn empfangen; denn mit seiner Rechten wird er sie beschirmen und mit seinem Arm sie schützen.
17 Er wird seinen Eifer als Rüstung nehmen und die Schöpfung bewaffnen zur Abwehr der Feinde.
18 Er wird Gerechtigkeit als Panzer anlegen und unverstelltes Gericht als Helm aufsetzen.
19 Er wird Heiligkeit als unbezwinglichen Schild nehmen,
20 und unerbittlichen Zorn wird er zum Schwert schärfen; und mit ihm wird die Welt gegen die Unsinnigen in den Kampf ziehen.
21 Treffsichere Blitzgeschosse werden ausfahren und wie von einem wohlgespannten Bogen der Wolken auf das Ziel springen,
22 und aus einer Schleuder des Zorns werden Hagelkörner in Fülle geschleudert werden; das Wasser des Meeres wird gegen sie wüten, und Ströme werden unerbittlich zusammenschlagen;
23 ein Sturm der Macht wird sich ihnen entgegenstellen und sie wie ein Wirbelwind zerstreuen. So wird die Gesetzlosigkeit die ganze Erde verwüsten, und das Übeltun wird die Throne der Machthaber umstürzen.
Kapitel 6
1 Höret nun, ihr Könige, und verstehet; lernet, ihr Richter der Enden der Erde!
2 Merket auf, die ihr über die Menge herrschet und euch der Völkerscharen rühmet!
3 Denn vom Herrn ist euch die Herrschaft gegeben und die Macht vom Höchsten, der eure Werke prüfen und eure Pläne erforschen wird.
4 Denn obwohl ihr Diener seines Reiches seid, habt ihr nicht recht gerichtet, das Gesetz nicht gehalten und seid nicht nach dem Ratschluss Gottes gewandelt.
5 Schrecklich und schnell wird er über euch kommen, denn ein strenges Gericht ergeht über die Hochgestellten.
6 Denn dem Geringsten wird aus Erbarmen verziehen, die Mächtigen aber werden mächtig geprüft werden.
7 Denn der Herr aller wird vor keiner Person zurückweichen und keine Größe scheuen; denn Klein und Groß hat er selbst gemacht und sorgt in gleicher Weise für alle;
8 den Mächtigen aber steht eine strenge Untersuchung bevor.
9 An euch also, ihr Herrscher, richten sich meine Worte, damit ihr Weisheit lernet und nicht strauchelt.
10 Denn die das Heilige heilig bewahren, werden geheiligt werden, und die darin unterwiesen sind, werden eine Verteidigung finden.
11 Begehret also meine Worte, verlanget danach, und ihr werdet unterwiesen werden.
12 Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit, und leicht wird sie geschaut von denen, die sie lieben, und gefunden von denen, die sie suchen;
13 sie kommt denen zuvor, die sie begehren, indem sie sich zuvor zu erkennen gibt.
14 Wer sich früh zu ihr aufmacht, wird sich nicht abmühen; denn er wird sie sitzend an seinen Toren finden.
15 Denn über sie nachzusinnen ist Vollkommenheit der Einsicht, und wer ihretwegen wacht, wird bald ohne Sorge sein.
16 Denn sie geht selbst umher und sucht die, die ihrer würdig sind, und erscheint ihnen freundlich auf den Wegen und begegnet ihnen in jedem Gedanken.
17 Denn ihr Anfang ist das aufrichtigste Verlangen nach Unterweisung, das Streben nach Unterweisung aber ist Liebe,
18 Liebe aber ist das Halten ihrer Gesetze, das Achten auf die Gesetze aber ist die Gewähr der Unvergänglichkeit,
19 Unvergänglichkeit aber bringt Gott nahe.
20 Das Verlangen nach Weisheit also führt hinauf zur Königsherrschaft.
21 Wenn ihr euch nun an Thronen und Zeptern erfreut, ihr Herrscher der Völker, so ehret die Weisheit, damit ihr in Ewigkeit herrschet.
22 Was aber die Weisheit ist und wie sie entstand, will ich verkünden und euch keine Geheimnisse verbergen, sondern vom Anfang ihres Ursprungs an will ich ihr nachspüren und die Erkenntnis von ihr ans Licht bringen und an der Wahrheit nicht vorübergehen.
23 Auch will ich nicht mit dem zehrenden Neid wandern, denn dieser hat keinen Anteil an der Weisheit.
24 Eine Menge von Weisen aber ist das Heil der Welt, und ein verständiger König ist die Wohlfahrt des Volkes.
25 Darum lasset euch durch meine Worte unterweisen, und es wird euch nützen.
Kapitel 7
1 Auch ich bin ein sterblicher Mensch wie alle und ein Nachkomme des erdgeborenen Erstgeschaffenen; und im Leib der Mutter wurde ich zu Fleisch gebildet,
2 in zehnmonatiger Zeit im Blut geronnen aus dem Samen des Mannes und der Lust, die sich mit dem Schlaf verband.
3 Und auch ich sog, als ich geboren war, die gemeinsame Luft ein und fiel auf die Erde, die Gleiches erleidet, und meine erste Stimme war das Weinen, allen gleich;
4 in Windeln wurde ich aufgezogen und unter Sorgen.
5 Denn kein König hatte einen anderen Anfang seines Werdens,
6 ein und derselbe ist für alle der Eingang ins Leben und gleich der Ausgang.
7 Darum betete ich, und Einsicht wurde mir gegeben; ich rief an, und der Geist der Weisheit kam zu mir.
8 Ich zog sie Zeptern und Thronen vor und achtete den Reichtum für nichts im Vergleich mit ihr;
9 auch stellte ich ihr keinen unschätzbaren Edelstein gleich, denn alles Gold ist vor ihr nur ein wenig Sand, und wie Lehm gilt das Silber ihr gegenüber;
10 mehr als Gesundheit und Schönheit liebte ich sie und zog es vor, sie statt des Lichtes zu haben, denn der Glanz, der von ihr ausgeht, erlischt nie.
11 Es kamen mir aber alle Güter zugleich mit ihr, und unzählbarer Reichtum lag in ihren Händen;
12 ich freute mich über alles, weil die Weisheit ihnen vorangeht, wusste aber nicht, dass sie deren Mutter ist.
13 Ohne Falsch habe ich gelernt und ohne Neid teile ich mit; ihren Reichtum verberge ich nicht.
14 Denn sie ist ein unerschöpflicher Schatz für die Menschen; die ihn erwerben, erlangen Freundschaft mit Gott, empfohlen durch die Gaben, die aus der Unterweisung kommen.
15 Mir aber gebe Gott, nach seinem Sinn zu reden und Gedanken zu fassen, die des Gegebenen würdig sind; denn er ist der Wegweiser der Weisheit und der Lenker der Weisen.
16 Denn in seiner Hand sind wir und unsere Worte, alle Einsicht und die Kenntnis der Werke.
17 Er selbst gab mir untrügliche Erkenntnis des Seienden, zu wissen den Bau der Welt und das Wirken der Elemente,
18 Anfang, Ende und Mitte der Zeiten, den Wechsel der Sonnenwenden und die Veränderungen der Jahreszeiten,
19 die Kreisläufe des Jahres und die Stellungen der Sterne,
20 die Naturen der Tiere und die Wut der wilden Tiere, die Gewalten der Winde und die Gedanken der Menschen, die Verschiedenheit der Pflanzen und die Kräfte der Wurzeln;
21 alles, was verborgen und was sichtbar ist, erkannte ich; denn die Weisheit, die Werkmeisterin aller Dinge, hat mich gelehrt.
22 Denn in ihr ist ein Geist: verständig, heilig, einzigartig, vielfältig, fein, beweglich, klar, unbefleckt, deutlich, unverletzlich, das Gute liebend, scharf,
23 ungehindert, wohltätig, menschenfreundlich, fest, sicher, ohne Sorge, allmächtig, alles überschauend und alle verständigen, reinen, feinsten Geister durchdringend.
24 Denn die Weisheit ist beweglicher als alle Bewegung, sie durchdringt und durchzieht alles wegen ihrer Reinheit.
25 Denn sie ist ein Hauch der Kraft Gottes und ein lauterer Ausfluss der Herrlichkeit des Allmächtigen; darum dringt nichts Beflecktes in sie ein.
26 Denn sie ist der Abglanz des ewigen Lichtes und ein makelloser Spiegel des Wirkens Gottes und ein Bild seiner Güte.
27 Obwohl sie nur eine ist, vermag sie alles, und in sich selbst bleibend erneuert sie alles, und von Geschlecht zu Geschlecht in heilige Seelen übergehend macht sie Freunde Gottes und Propheten.
28 Denn Gott liebt nichts außer dem, der mit der Weisheit zusammenwohnt.
29 Denn sie ist schöner als die Sonne und übertrifft jede Stellung der Sterne; mit dem Licht verglichen erweist sie sich als vorzüglicher.
30 Denn auf dieses folgt die Nacht, über die Weisheit aber vermag die Bosheit nichts.
Kapitel 8
1 Sie erstreckt sich machtvoll von einem Ende zum anderen und regiert das All auf gute Weise.
2 Sie habe ich geliebt und gesucht von meiner Jugend an, und ich suchte, sie mir als Braut heimzuführen, und wurde ein Liebhaber ihrer Schönheit.
3 Edle Herkunft verherrlicht sie, da sie mit Gott zusammenlebt, und der Herr aller Dinge gewann sie lieb;
4 denn sie ist Eingeweihte in das Wissen Gottes und Wählerin seiner Werke.
5 Wenn aber Reichtum ein begehrenswerter Besitz im Leben ist, was ist reicher als die Weisheit, die alles wirkt?
6 Wenn aber Klugheit wirkt, wer von allem, was ist, ist mehr Werkmeisterin als sie?
7 Und wenn jemand Gerechtigkeit liebt – ihre Mühen sind Tugenden; denn sie lehrt Besonnenheit und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, und nichts ist nützlicher als diese im Leben der Menschen.
8 Wenn aber jemand auch reiche Erfahrung begehrt: sie kennt das Vergangene und erschließt das Zukünftige, sie versteht die Wendungen der Reden und die Lösungen der Rätsel, Zeichen und Wunder erkennt sie im Voraus und den Ausgang der Zeiten und Fristen.
9 Ich beschloss also, sie zum Zusammenleben heimzuführen, wissend, dass sie mir Ratgeberin des Guten sein wird und Zuspruch in Sorgen und Kummer.
10 Um ihretwillen werde ich Ruhm bei den Volksmengen haben und Ehre bei den Ältesten, ich, der Junge;
11 scharfsinnig werde ich im Gericht erfunden werden, und vor den Augen der Mächtigen wird man mich bewundern;
12 schweige ich, so werden sie auf mich warten, und rede ich, werden sie aufmerken, und spreche ich länger, werden sie die Hand auf ihren Mund legen.
13 Um ihretwillen werde ich Unsterblichkeit haben und ewiges Gedenken denen hinterlassen, die nach mir kommen.
14 Ich werde Völker regieren, und Nationen werden mir untertan sein;
15 schreckliche Tyrannen werden sich fürchten, wenn sie von mir hören; in der Menge werde ich mich als gut erweisen und im Krieg als tapfer.
16 Wenn ich in mein Haus eintrete, werde ich bei ihr ausruhen; denn der Umgang mit ihr hat keine Bitterkeit und das Zusammenleben mit ihr keinen Schmerz, sondern Frohsinn und Freude.
17 Als ich dies bei mir bedachte und in meinem Herzen erwog, dass Unsterblichkeit in der Verwandtschaft mit der Weisheit liegt
18 und in ihrer Freundschaft edles Ergötzen und in den Mühen ihrer Hände unerschöpflicher Reichtum und in der Übung ihres Umgangs Klugheit und Ruhm in der Gemeinschaft ihrer Worte, da ging ich umher und suchte, wie ich sie für mich gewinnen könnte.
19 Ich war aber ein wohlgeartetes Kind, und eine gute Seele war mir zuteilgeworden,
20 vielmehr: da ich gut war, kam ich in einen unbefleckten Leib.
21 Da ich aber erkannte, dass ich sie nicht anders erlangen würde, wenn Gott sie nicht gäbe – und auch dies war Sache der Klugheit, zu wissen, von wem diese Gnade kommt –, wandte ich mich an den Herrn und flehte ihn an und sprach aus meinem ganzen Herzen:
Kapitel 9
1 Gott der Väter und Herr des Erbarmens, der du alles durch dein Wort geschaffen
2 und durch deine Weisheit den Menschen bereitet hast, damit er über die von dir gemachten Geschöpfe herrsche
3 und die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit lenke und in Aufrichtigkeit der Seele Gericht halte:
4 Gib mir die Weisheit, die neben deinen Thronen sitzt, und verwirf mich nicht aus der Zahl deiner Kinder.
5 Denn ich bin dein Knecht und der Sohn deiner Magd, ein schwacher Mensch von kurzer Lebenszeit und gering an Einsicht in Recht und Gesetze.
6 Denn selbst wenn einer unter den Menschenkindern vollkommen wäre, wird er, wenn die von dir kommende Weisheit fehlt, für nichts geachtet werden.
7 Du hast mich erwählt zum König deines Volkes und zum Richter deiner Söhne und Töchter;
8 du hast gesagt, ich solle einen Tempel bauen auf deinem heiligen Berge und in der Stadt deiner Wohnung einen Altar, ein Abbild des heiligen Zeltes, das du von Anfang an bereitet hast.
9 Und bei dir ist die Weisheit, die deine Werke kennt und zugegen war, als du die Welt schufst, und die weiß, was wohlgefällig ist in deinen Augen und was recht ist nach deinen Geboten.
10 Sende sie aus von den heiligen Himmeln und schicke sie vom Throne deiner Herrlichkeit, damit sie bei mir sei und mit mir arbeite und ich erkenne, was dir wohlgefällig ist.
11 Denn sie weiß und versteht alles und wird mich in meinen Taten besonnen leiten und mich in ihrer Herrlichkeit bewahren.
12 Dann werden meine Werke wohlgefällig sein, und ich werde dein Volk gerecht richten und der Throne meines Vaters würdig sein.
13 Denn welcher Mensch kann den Ratschluss Gottes erkennen? Oder wer kann ergründen, was der Herr will?
14 Denn die Gedanken der Sterblichen sind zaghaft und unsere Überlegungen unsicher;
15 denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt drückt den vielsorgenden Geist nieder.
16 Und kaum erraten wir, was auf Erden ist, und was vor Händen liegt, finden wir nur mit Mühe; wer aber hat erforscht, was in den Himmeln ist?
17 Wer hätte deinen Ratschluss erkannt, wenn du nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hättest?
18 Und so wurden die Pfade derer auf Erden gerade gemacht, und die Menschen wurden gelehrt, was dir wohlgefällig ist, und durch die Weisheit wurden sie gerettet.
Kapitel 10
1 Sie hat den erstgebildeten Vater der Welt, der als Einziger erschaffen worden war, bewahrt und ihn aus seinem eigenen Fall herausgerissen
2 und gab ihm die Kraft, über alles zu herrschen.
3 Als aber ein Ungerechter in seinem Zorn von ihr abfiel, ging er durch seine brudermörderische Wut zugrunde.
4 Als um seinetwillen die Erde überflutet wurde, rettete die Weisheit sie wiederum, indem sie den Gerechten auf einem geringen Holz steuerte.
5 Auch als die Völker in einträchtiger Bosheit verwirrt wurden, erkannte sie den Gerechten und bewahrte ihn untadelig vor Gott und erhielt ihn stark gegen das Erbarmen mit seinem Kind.
6 Sie errettete den Gerechten, als die Gottlosen zugrunde gingen, da er dem herabfahrenden Feuer über die Fünf Städte entfloh;
7 von deren Bosheit steht noch als Zeugnis das rauchende Ödland, und Pflanzen, die zu unreifer Zeit Früchte tragen, und als Denkmal einer ungläubigen Seele eine stehende Salzsäule.
8 Denn indem sie an der Weisheit vorübergingen, nahmen sie nicht nur den Schaden, das Gute nicht zu erkennen, sondern hinterließen den Lebenden auch ein Denkmal ihrer Torheit, damit sie in dem, worin sie gestrauchelt waren, nicht einmal verborgen bleiben könnten.
9 Die Weisheit aber errettete die, die ihr dienten, aus Mühsalen.
10 Sie führte den Gerechten, der vor dem Zorn seines Bruders floh, auf geraden Pfaden; sie zeigte ihm das Reich Gottes und gab ihm Erkenntnis heiliger Dinge; sie ließ es ihm in seinen Mühen wohlergehen und mehrte den Ertrag seiner Arbeit;
11 gegen die Habsucht derer, die ihn bedrängten, stand sie ihm bei und machte ihn reich;
12 sie bewahrte ihn vor Feinden und sicherte ihn vor denen, die ihm nachstellten; und in einem harten Kampf verlieh sie ihm den Siegespreis, damit er erkenne, dass die Frömmigkeit stärker ist als alles.
13 Sie verließ den Gerechten nicht, als er verkauft wurde, sondern errettete ihn vor der Sünde;
14 sie stieg mit ihm hinab in die Grube und verließ ihn nicht in den Fesseln, bis sie ihm das Zepter des Königtums brachte und Gewalt über die, die ihn beherrscht hatten; und sie erwies die als Lügner, die ihn geschmäht hatten, und gab ihm ewige Herrlichkeit.
15 Sie errettete ein heiliges Volk und einen untadeligen Samen aus dem Volk der Bedränger;
16 sie ging ein in die Seele eines Dieners des Herrn und widerstand furchtbaren Königen mit Wundern und Zeichen.
17 Sie gab den Heiligen den Lohn ihrer Mühen, führte sie auf wunderbarem Weg und wurde ihnen zum Schutz am Tage und zur Sternenflamme in der Nacht.
18 Sie führte sie durch das Rote Meer hindurch und geleitete sie durch viel Wasser;
19 ihre Feinde aber überflutete sie und spülte sie aus der Tiefe des Abgrunds empor.
20 Deshalb plünderten die Gerechten die Gottlosen und besangen, Herr, deinen heiligen Namen und priesen einmütig deine streitbare Hand;
21 denn die Weisheit öffnete den Mund der Stummen und machte die Zungen der Unmündigen beredt.
Kapitel 11
1 Sie ließ ihre Werke gelingen durch die Hand eines heiligen Propheten.
2 Sie durchzogen eine unbewohnte Wüste und schlugen in unwegsamen Gegenden ihre Zelte auf;
3 sie widerstanden den Kriegsgegnern und wehrten die Feinde ab.
4 Sie dürsteten und riefen dich an, und es wurde ihnen Wasser aus schroffem Felsen gegeben und Heilung des Durstes aus hartem Stein.
5 Denn wodurch ihre Feinde gestraft wurden, dadurch wurde ihnen selbst in ihrer Not Wohltat erwiesen.
6 Anstelle der Quelle eines immerfließenden Stromes, der durch schmutziges Blut getrübt war,
7 zur Bestrafung des kindermörderischen Erlasses, gabst du ihnen wider Erwarten reichliches Wasser,
8 indem du durch den damaligen Durst zeigtest, wie du die Widersacher gestraft hattest.
9 Denn als sie geprüft wurden, wenn auch in Barmherzigkeit gezüchtigt, erkannten sie, wie die Gottlosen, im Zorn gerichtet, gepeinigt wurden;
10 denn diese hast du wie ein Vater mahnend erprobt, jene aber wie ein strenger König verurteilend zur Rechenschaft gezogen.
11 Und ob fern oder nah, gleichermaßen wurden sie gequält;
12 denn doppelter Kummer ergriff sie und Seufzen bei der Erinnerung an das Vergangene;
13 denn als sie hörten, dass jenen durch ihre eigenen Strafen Wohltat erwiesen worden war, spürten sie den Herrn.
14 Denn den sie einst, als er ausgesetzt und weggeworfen war, spottend verstoßen hatten, den bestaunten sie am Ende der Ereignisse, da sie anders dürsteten als die Gerechten.
15 Aber für die unverständigen Überlegungen ihrer Ungerechtigkeit, in denen sie irregeleitet vernunftlose Kriechtiere und verächtliches Getier verehrten, sandtest du ihnen eine Menge vernunftloser Tiere zur Vergeltung,
16 damit sie erkennten: Wodurch einer sündigt, dadurch wird er gestraft.
17 Denn deiner allmächtigen Hand, die die Welt aus gestaltlosem Stoff geschaffen hat, hätte es nicht an Mitteln gefehlt, ihnen eine Menge Bären oder kühne Löwen zu senden
18 oder neugeschaffene, wutfüllte, unbekannte wilde Tiere, die entweder feuerschnaubenden Atem ausstoßen oder brausenden Rauch versprühen oder schreckliche Funken aus den Augen blitzen lassen,
19 deren Schaden sie nicht nur hätte zermalmen können, sondern auch deren bloßer Anblick sie durch Schrecken hätte vernichten können.
20 Und auch ohne dies hätten sie durch einen einzigen Hauch fallen können, von der Gerechtigkeit verfolgt und vom Hauch deiner Macht zerstreut; aber du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.
21 Denn große Stärke steht dir allezeit zu Gebote, und wer wird der Kraft deines Armes widerstehen?
22 Denn wie ein Stäubchen auf der Waage ist die ganze Welt vor dir und wie ein Tropfen Morgentau, der zur Erde niederfällt.
23 Du aber erbarmst dich aller, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie umkehren.
24 Denn du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen.
25 Wie aber hätte etwas Bestand haben können, wenn du es nicht gewollt hättest, oder wie wäre erhalten geblieben, was nicht von dir gerufen worden wäre?
26 Du schonst aber alles, weil es dein ist, Herr, du Freund des Lebens.
Kapitel 12
1 Denn dein unvergänglicher Geist ist in allen.
2 Darum strafst du die Fallenden nach und nach und erinnerst und ermahnst sie in dem, worin sie sündigen, damit sie, von der Bosheit befreit, an dich glauben, Herr.
3 Denn auch die alten Bewohner deines heiligen Landes
4 hasstest du, weil sie das Verhassteste taten: Zaubereien und unheilige Weihen,
5 erbarmungslose Kindermorde und Opferschmaus von Menschenfleisch und Blut, das die Eingeweide verzehrt – Eingeweihte mitten aus dem Kultverein
6 und Eltern, die eigenhändig hilflose Seelen mordeten – und du wolltest sie durch die Hände unserer Väter vernichten,
7 damit das dir wertvollste Land von allen eine würdige Ansiedlung von Gotteskindern empfange.
8 Aber auch dieser hast du geschont, weil sie Menschen waren, und sandtest Wespen als Vorläufer deines Heeres, damit sie sie nach und nach ausrotteten.
9 Nicht als ob du unvermögend gewesen wärest, die Gottlosen in einer Schlacht den Gerechten in die Hand zu geben oder durch schreckliche Tiere oder durch ein hartes Wort mit einem Schlag zu vertilgen;
10 sondern indem du nach und nach richtetest, gabst du Raum zur Umkehr, obwohl du wohl wusstest, dass ihr Ursprung böse und ihre Bosheit angeboren war und dass sich ihr Sinnen in Ewigkeit nicht ändern würde.
11 Denn es war ein von Anfang an verfluchtes Geschlecht; auch gabst du ihnen nicht aus Scheu vor jemandem Straflosigkeit für das, worin sie sündigten.
12 Denn wer wird sagen: Was hast du getan? Oder wer wird sich deinem Urteil widersetzen? Wer wird dich anklagen wegen der Vernichtung von Völkern, die du gemacht hast? Oder wer wird als Rächer für ungerechte Menschen vor dich treten?
13 Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles sorgt, dass du zeigen müsstest, du habest nicht gerecht gerichtet;
14 noch wird ein König oder Tyrann dir ins Auge blicken können wegen derer, die du gestraft hast.
15 Da du aber gerecht bist, verwaltest du alles gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient.
16 Denn deine Stärke ist der Ursprung der Gerechtigkeit, und dass du über alle herrschst, macht, dass du alle schonst.
17 Denn Stärke erweist du, wenn man an die Vollkommenheit deiner Macht nicht glaubt, und an denen, die sie kennen, strafst du die Vermessenheit.
18 Du aber, der du über Stärke gebietest, richtest mit Milde und regierst uns mit großer Schonung; denn die Macht steht dir zu Gebote, wann immer du willst.
19 Du hast aber dein Volk durch solche Werke gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen gute Hoffnung gegeben, dass du bei Sünden Raum zur Umkehr gewährst.
20 Denn wenn du die Feinde deiner Kinder, die den Tod verdient hatten, mit solcher Bedachtsamkeit und Nachsicht gestraft und ihnen Zeiten und Raum gegeben hast, sich von der Bosheit zu befreien,
21 mit welcher Sorgfalt hast du dann deine Söhne gerichtet, deren Vätern du Eide und Bündnisse guter Verheißungen gegeben hast!
22 Wenn du uns also züchtigst, geißelst du unsere Feinde zehntausendfach, damit wir, wenn wir richten, deine Güte bedenken, und wenn wir gerichtet werden, auf Erbarmen hoffen.
23 Daher hast du auch die, die in Torheit des Lebens ungerecht lebten, durch ihre eigenen Gräuel gepeinigt;
24 denn sie irrten weiter als die Wege des Irrtums, indem sie das für Götter hielten, was selbst unter den Tieren der Schändlichen verachtet ist, getäuscht wie unverständige kleine Kinder.
25 Darum hast du ihnen, wie unvernünftigen Kindern, das Gericht zum Spott gesandt.
26 Die aber, die sich durch spielerische Zurechtweisung nicht warnen ließen, werden ein Gericht erfahren, das Gottes würdig ist.
27 Denn worüber sie sich, als sie litten, empörten – als sie sahen, dass sie durch eben die gestraft wurden, die sie für Götter hielten –, da erkannten sie den als wahren Gott, den zu kennen sie vorher geleugnet hatten; darum kam auch das äußerste Maß der Verurteilung über sie.
Kapitel 13
1 Töricht sind von Natur alle Menschen, denen die Unkenntnis Gottes innewohnte und die aus den sichtbaren Gütern nicht vermochten, den Seienden zu erkennen, noch, indem sie auf die Werke achteten, den Werkmeister erkannten,
2 sondern das Feuer oder den Wind oder die flüchtige Luft oder den Kreis der Sterne oder das gewaltige Wasser oder die Lichter des Himmels, die Lenker der Welt, für Götter hielten.
3 Wenn sie nun, ergötzt an deren Schönheit, diese für Götter hielten, so sollen sie erkennen, um wie viel besser der Herr dieser Dinge ist; denn der Urheber der Schönheit hat sie geschaffen.
4 Wenn sie aber, erstaunt über Kraft und Wirken, dies annahmen, so sollen sie daraus begreifen, um wie viel mächtiger der ist, der sie bereitet hat;
5 denn aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird entsprechend ihr Schöpfer erschaut.
6 Doch trifft diese nur geringer Tadel; denn vielleicht irren auch sie, indem sie Gott suchen und ihn finden wollen;
7 denn indem sie mit seinen Werken umgehen, forschen sie und lassen sich vom Anblick überzeugen, weil das Geschaute schön ist.
8 Andererseits sind aber auch sie nicht zu entschuldigen;
9 denn wenn sie so viel zu erkennen vermochten, dass sie die Weltordnung erforschen konnten, wie haben sie dann nicht eher den Herrn dieser Dinge gefunden?
10 Elend aber sind die, deren Hoffnungen auf Totes gerichtet sind, die Werke von Menschenhänden Götter nannten, Gold und Silber, ein Gebilde der Kunst, und Abbilder von Tieren oder einen unnützen Stein, das Werk einer alten Hand.
11 Wenn aber auch ein holzfällender Zimmermann einen leicht zu bearbeitenden Baum absägte und geschickt seine ganze Rinde abschälte und ihn kunstvoll bearbeitend ein nützliches Gerät zum Dienst des Lebens verfertigte,
12 die Abfälle der Arbeit aber zur Bereitung der Speise verbrauchte und sich sättigte,
13 den davon übrigen Abfall jedoch, der zu nichts brauchbar war, ein krummes und mit Ästen verwachsenes Holz, nahm und in der Sorgfalt seines Müßiggangs schnitzte und mit der Erfahrung seines Verstandes formte, es dem Bilde eines Menschen ähnlich machte
14 oder es einem geringen Tier angleich, es mit Mennige bestrich und mit Schminke seine Farbe rötete und jeden Makel an ihm überstrich,
15 und ihm eine seiner würdige Behausung machte, es an die Wand stellte und mit Eisen befestigte:
16 damit es also nicht herabfalle, sorgte er für es, wissend, dass es sich selbst nicht helfen kann; denn es ist ja ein Bild und bedarf der Hilfe.
17 Wenn er aber um Besitz und um seine Ehe und um Kinder betet, schämt er sich nicht, das Unbeseelte anzureden; und um Gesundheit ruft er das Schwache an,
18 um Leben bittet er das Tote, um Beistand fleht er das gänzlich Unerfahrene an, um gute Reise das, was nicht einmal einen Fuß gebrauchen kann,
19 und für Erwerb und Arbeit und Gelingen der Hände erbittet er von dem, was mit seinen Händen das Kraftloseste ist, Tatkraft.
Kapitel 14
1 Wiederum ruft einer, der sich zur Seefahrt rüstet und wilde Wogen zu durchqueren gedenkt, ein Holz an, das morscher ist als das Schiff, das ihn trägt.
2 Denn jenes hat das Verlangen nach Erwerb erdacht, und die kunstfertige Weisheit hat es gebaut;
3 deine Vorsehung aber, Vater, steuert es, denn du hast auch im Meer einen Weg gegeben und in den Wogen einen sicheren Pfad,
4 und zeigst damit, dass du aus allem retten kannst, damit einer auch ohne Kunst das Schiff besteigen kann.
5 Du willst aber, dass die Werke deiner Weisheit nicht müßig seien; darum vertrauen Menschen selbst dem geringsten Holz ihr Leben an und wurden, nachdem sie die Brandung auf einem Floß durchfahren hatten, gerettet.
6 Denn auch am Anfang, als die hochmütigen Riesen zugrunde gingen, floh die Hoffnung der Welt auf ein Floß und hinterließ der Welt einen Samen der Fortpflanzung, gelenkt von deiner Hand.
7 Denn gesegnet ist das Holz, durch das Gerechtigkeit geschieht;
8 das von Händen gemachte aber ist verflucht, es selbst und der es gemacht hat: er, weil er es verfertigte, und das Vergängliche, weil es Gott genannt wurde.
9 Denn in gleicher Weise sind Gott verhasst der Gottlose und seine Gottlosigkeit;
10 denn das Werk wird samt dem Täter bestraft werden.
11 Darum wird auch über die Götzen der Völker Heimsuchung kommen, weil sie in Gottes Schöpfung zum Gräuel geworden sind und zum Anstoß für die Seelen der Menschen und zur Falle für die Füße der Toren.
12 Denn der Anfang der Unzucht ist das Ersinnen der Götzen, und ihre Erfindung ist Verderben des Lebens.
13 Denn weder waren sie von Anfang an, noch werden sie in Ewigkeit sein;
14 durch die Eitelkeit der Menschen kamen sie in die Welt, und darum ist ihnen ein baldiges Ende zugedacht.
15 Denn ein Vater, von unzeitiger Trauer verzehrt, machte ein Bild von dem ihm allzu früh entrissenen Kind und ehrte nun den einst toten Menschen wie einen Gott und übergab seinen Untergebenen Geheimkulte und Weihen;
16 dann wurde mit der Zeit die gottlose Sitte gefestigt und wie ein Gesetz beobachtet.
17 Und auf Befehl der Tyrannen wurden die Bildwerke verehrt: Da die Menschen sie nicht von Angesicht ehren konnten, weil sie fern wohnten, bildeten sie das entfernte Antlitz nach und machten ein sichtbares Bild des verehrten Königs, um dem Abwesenden wie einem Anwesenden durch ihren Eifer zu schmeicheln.
18 Zur Steigerung der Verehrung trieb auch die Unwissenden der Ehrgeiz des Künstlers an;
19 denn dieser, der wohl dem Herrscher gefallen wollte, zwang durch seine Kunst die Ähnlichkeit ins Schönere;
20 die Menge aber, angezogen durch die Anmut des Werkes, hielt nun den, der kurz zuvor als Mensch geehrt worden war, für einen Gegenstand der Anbetung.
21 Und dies wurde dem Leben zum Fallstrick, dass Menschen, dem Unglück oder der Tyrannei dienstbar, den unmitteilbaren Namen Steinen und Hölzern beilegten.
22 Dann genügte es nicht, in der Erkenntnis Gottes zu irren, sondern sie leben auch in einem großen Krieg der Unwissenheit und nennen so große Übel Frieden.
23 Denn ob sie kindermordende Weihen oder geheime Mysterien oder rasende Gelage nach fremden Bräuchen feiern,
24 bewahren sie weder Leben noch Ehen mehr rein, sondern einer tötet den anderen aus dem Hinterhalt oder kränkt ihn durch Ehebruch.
25 Alles ist durcheinander erfüllt von Blut und Mord, Diebstahl und Betrug, Verderben, Treulosigkeit, Aufruhr, Meineid,
26 Verfolgung der Guten, Vergessen der Wohltat, Befleckung der Seelen, Verkehrung des Geschlechts, Zuchtlosigkeit der Ehen, Ehebruch und Ausschweifung.
27 Denn die Verehrung der namenlosen Götzen ist Anfang, Ursache und Ende jedes Übels;
28 denn entweder rasen sie in ihren Freuden oder weissagen Lügen oder leben ungerecht oder schwören leichtfertig falsch;
29 denn da sie auf leblose Götzen vertrauen, erwarten sie keinen Schaden, wenn sie falsch schwören.
30 Aber beides wird sie mit Recht ereilen: dass sie schlecht über Gott dachten, indem sie sich an Götzen hielten, und ungerecht schworen im Trug, indem sie die Heiligkeit verachteten;
31 denn nicht die Macht derer, bei denen geschworen wird, sondern die Strafe für die Sünder verfolgt allezeit die Übertretung der Ungerechten.
Kapitel 15
1Du aber, unser Gott, bist gütig und wahrhaftig, langmütig, und du regierst alles mit Erbarmen.
2Denn auch wenn wir sündigen, sind wir dein, da wir deine Macht kennen; wir werden aber nicht sündigen, da wir wissen, dass wir dir zugerechnet sind.
3Denn dich zu kennen ist vollkommene Gerechtigkeit, und deine Macht zu wissen ist die Wurzel der Unsterblichkeit.
4Denn weder hat uns die arglistige Erfindung von Menschen verführt noch die fruchtlose Mühe der Schattenmaler, eine mit bunten Farben befleckte Gestalt,
5deren Anblick bei den Toren Begierde erweckt, sodass sie die leblose Gestalt eines toten Bildes begehren.
6Liebhaber des Bösen und solcher Hoffnungen würdig sind die, die sie machen, die sie begehren und die sie verehren.
7Denn auch der Töpfer knetet mühsam die weiche Erde und formt jedes einzelne Gefäß zu unserem Gebrauch; aber aus demselben Ton formt er sowohl die Gefäße, die reinen Zwecken dienen, als auch die entgegengesetzten, alle auf gleiche Weise; welches aber der Gebrauch eines jeden von diesen sei, darüber entscheidet der Tonarbeiter.
8Und mit übler Mühe formt er aus demselben Ton einen nichtigen Gott, er, der vor kurzem aus Erde entstanden ist und nach kurzer Zeit dorthin zurückkehrt, woher er genommen wurde, wenn die Schuld der Seele von ihm zurückgefordert wird.
9Aber er kümmert sich nicht darum, dass er sterben muss, noch dass er ein kurzes Leben hat, sondern er wetteifert mit Goldschmieden und Silbergießern, ahmt die Erzbildner nach und hält es für einen Ruhm, dass er Trugbilder formt.
10Asche ist sein Herz, und geringer als Erde ist seine Hoffnung, und wertloser als Ton ist sein Leben,
11weil er den nicht erkannt hat, der ihn geformt und ihm eine wirkende Seele eingehaucht und einen lebendigen Geist eingeblasen hat,
12sondern sie hielten unser Leben für ein Spiel und das Dasein für einen gewinnbringenden Jahrmarkt; denn man müsse, sagt er, woher auch immer, selbst aus Bösem, Gewinn ziehen.
13Denn dieser weiß mehr als alle anderen, dass er sündigt, wenn er aus irdischem Stoff zerbrechliche Gefäße und Götzenbilder verfertigt.
14Am allertörichtesten aber und elender als die Seele eines Kindes sind die Feinde deines Volkes, die es unterdrückt haben,
15weil sie auch alle Götzen der Völker für Götter hielten, denen weder der Gebrauch der Augen zum Sehen gegeben ist noch Nasen zum Einziehen der Luft noch Ohren zum Hören noch Finger der Hände zum Tasten, und deren Füße untauglich sind zum Gehen.
16Denn ein Mensch hat sie gemacht, und einer, dem der Geist nur geliehen ist, hat sie geformt; denn kein Mensch vermag einen Gott zu formen, der ihm selbst gleich wäre.
17Als Sterblicher aber schafft er mit frevelhaften Händen ein Totes; denn er ist besser als die Gegenstände seiner Verehrung: Er selbst hat gelebt, jene aber niemals.
18Und sie verehren auch die verhasstesten Tiere; denn an Unverstand gemessen sind sie schlimmer als die übrigen;
19auch sind sie nicht so schön, dass man sie begehren könnte, wie es bei anderen Tieren beim Anblick der Fall ist, sondern sie sind sowohl dem Lob Gottes als auch seinem Segen entgangen.
Kapitel 16
1 Darum wurden sie durch Ähnliches gerecht gestraft und durch eine Menge von Ungeziefer gepeinigt.
2 Statt solcher Strafe erwiesest du deinem Volk Wohltat und bereitetest ihm zur Stillung seines Verlangens eine fremdartige Speise, Wachteln,
3 damit jene, obwohl sie nach Nahrung verlangten, wegen der Widerlichkeit der über sie gesandten Tiere selbst das notwendige Verlangen von sich wiesen, diese aber, nachdem sie nur kurze Zeit Mangel gelitten hatten, sogar an einer fremdartigen Speise Anteil erhielten.
4 Denn über jene, die Gewaltherrschaft übten, musste unabwendbarer Mangel kommen; diesen aber sollte nur gezeigt werden, wie ihre Feinde gepeinigt wurden.
5 Denn auch als über sie die schreckliche Wut wilder Tiere kam und sie durch die Bisse gewundener Schlangen umkamen, blieb dein Zorn nicht bis zum Ende bestehen;
6 zur Warnung wurden sie für kurze Zeit erschreckt, indem sie ein Zeichen der Rettung hatten zur Erinnerung an das Gebot deines Gesetzes.
7 Denn wer sich hinwandte, wurde nicht durch das gerettet, was er anschaute, sondern durch dich, den Retter aller.
8 Und auch dadurch überzeugtest du unsere Feinde, dass du es bist, der aus allem Übel errettet.
9 Denn jene töteten die Bisse von Heuschrecken und Fliegen, und es fand sich keine Heilung für ihr Leben, weil sie es verdienten, durch solche gestraft zu werden;
10 deine Söhne aber überwanden nicht einmal die Zähne giftspeiender Drachen, denn dein Erbarmen trat dazwischen und heilte sie.
11 Denn zur Erinnerung an deine Worte wurden sie gestochen und rasch wieder gerettet, damit sie nicht, in tiefes Vergessen versunken, deiner Wohltat unempfänglich würden.
12 Denn weder Kraut noch Pflaster heilte sie, sondern dein Wort, Herr, das alle heilt.
13 Denn du hast Macht über Leben und Tod, und du führst hinab zu den Pforten des Hades und wieder hinauf.
14 Ein Mensch aber tötet zwar in seiner Bosheit, doch den entwichenen Geist bringt er nicht zurück und befreit die Seele nicht, die aufgenommen wurde.
15 Deiner Hand aber zu entfliehen ist unmöglich.
16 Denn die Gottlosen, die sich weigerten, dich zu kennen, wurden durch die Kraft deines Armes gegeißelt, von ungewöhnlichen Regengüssen, Hagelschlägen und unerbittlichen Wolkenbrüchen verfolgt und vom Feuer verzehrt.
17 Denn das Wunderbarste im Wasser, das doch alles löscht, wirkte das Feuer noch stärker; denn die Schöpfung kämpft für die Gerechten.
18 Denn bald wurde die Flamme gezähmt, damit sie die gegen die Gottlosen gesandten Tiere nicht verbrenne, sondern diese beim Anblick erkennen sollten, dass sie durch Gottes Gericht verfolgt werden;
19 bald aber brennt sie sogar mitten im Wasser über die Kraft des Feuers hinaus, um die Erträge des ungerechten Landes zu vernichten.
20 Statt dessen speistest du dein Volk mit Engelsnahrung und reichtest ihnen unermüdlich fertiges Brot vom Himmel, das jeglichen Genuss zu bieten vermochte und jedem Geschmack angepasst war.
21 Denn deine Gabe offenbarte deine Süße gegen deine Kinder; sie diente dem Verlangen dessen, der sie genoss, und wandelte sich in das, was einer wünschte.
22 Schnee und Eis aber hielten dem Feuer stand und schmolzen nicht, damit sie erkennen sollten, dass das Feuer die Früchte der Feinde vernichtete, das im Hagel brannte und in den Regengüssen aufblitzte;
23 dieses aber vergaß hinwiederum seine eigene Kraft, damit die Gerechten genährt würden.
24 Denn die Schöpfung, die dir, ihrem Schöpfer, dient, spannt sich an zur Strafe gegen die Ungerechten und lässt nach zur Wohltat für die, die auf dich vertrauen.
25 Darum diente sie auch damals, indem sie sich in alles verwandelte, deiner alles nährenden Gabe nach dem Willen derer, die bedürftig waren,
26 damit deine Söhne, die du liebtest, Herr, lernten, dass nicht das Wachsen der Früchte den Menschen nährt, sondern dein Wort die erhält, die dir glauben.
2 7Denn was vom Feuer nicht vernichtet wurde, schmolz einfach, wenn es von einem kurzen Sonnenstrahl erwärmt wurde,
28 damit kund werde, dass man der Sonne zuvorkommen muss, um dir zu danken, und beim Aufgang des Lichtes vor dich treten soll.
29 Denn die Hoffnung des Undankbaren wird wie winterlicher Reif zerschmelzen und wie unnützes Wasser zerrinnen.
Kapitel 17
1Denn groß sind deine Gerichte und schwer zu erzählen; darum gerieten ungebildete Seelen in die Irre. 2Denn als die Gesetzlosen meinten, das heilige Volk unterdrücken zu können, lagen sie da, Gefangene der Finsternis und Gefesselte einer langen Nacht, eingeschlossen unter ihren Dächern, Flüchtlinge vor der ewigen Vorsehung. 3Denn indem sie glaubten, mit ihren heimlichen Sünden verborgen zu bleiben unter dem lichtlosen Schleier des Vergessens, wurden sie zerstreut, furchtbar erschreckt und durch Trugbilder aufgeschreckt. 4Denn auch der Winkel, der sie barg, bewahrte sie nicht vor Furcht; Getöse, das sie erschreckte, umbrauste sie, und finstere Gespenster mit freudlosen Gesichtern erschienen ihnen. 5Und keine Gewalt des Feuers vermochte Licht zu geben, noch konnten die hellen Flammen der Sterne jene grauenvolle Nacht erhellen. 6Es schimmerte ihnen nur ein von selbst entstandenes Feuer, voller Schrecken; und in Angst versetzt vor jener nicht sichtbaren Erscheinung, hielten sie das Geschaute für noch schlimmer. 7Die Gaukeleien der Zauberkunst lagen darnieder, und ihre Prahlerei mit Weisheit erfuhr schmähliche Widerlegung; 8denn die, die versprachen, Schrecken und Verstörungen von der kranken Seele zu vertreiben, litten selbst an lächerlicher Furcht. 9Denn auch wenn nichts Schreckliches sie ängstigte, wurden sie durch das Vorüberziehen von Ungeziefer und das Zischen von Schlangen aufgescheucht und vergingen zitternd, und sie weigerten sich, auch nur die Luft anzusehen, der man nirgends entfliehen kann. 10Denn feige ist die Schlechtigkeit, durch ihren eigenen Zeugen verurteilt, und stets nimmt sie, vom Gewissen bedrängt, das Schlimmste an; 11denn Furcht ist nichts anderes als das Preisgeben der Hilfen, die von der Überlegung kommen; 12und je schwächer innerlich die Erwartung ist, desto größer erachtet sie die Unkenntnis der Ursache, die die Qual bereitet. 13Sie aber, die während jener in Wahrheit machtlosen Nacht, die aus den Winkeln des machtlosen Hades heraufgekommen war, denselben Schlaf schliefen, 14wurden teils von Schreckgestalten der Gespenster gejagt, teils durch das Versagen der Seele gelähmt; denn plötzliche und unerwartete Furcht ergoss sich über sie. 15Und so wurde dann jeder, wer immer dort niederfiel, festgehalten, eingeschlossen in den Kerker ohne Eisen; 16denn ob einer ein Bauer war oder ein Hirte oder ein Arbeiter mühevoller Werke in der Einöde – überrascht musste er die unentrinnbare Notwendigkeit erdulden; denn mit einer einzigen Kette der Finsternis waren alle gebunden. 17Ob ein säuselnder Wind oder der wohlklingende Gesang von Vögeln in dichtbelaubten Zweigen oder das Rauschen gewaltsam dahinströmenden Wassers oder das harte Krachen herabstürzender Felsen 18oder der unsichtbare Lauf springender Tiere oder die Stimme brüllender, wildester Bestien oder das aus der Höhlung der Berge zurückgeworfene Echo – alles lähmte sie und jagte ihnen Schrecken ein. 19Denn die ganze Welt war von hellem Licht erleuchtet und ging ungehindert ihren Werken nach; 20über jene allein aber war schwere Nacht ausgebreitet, ein Bild der Finsternis, die sie künftig aufnehmen sollte; sich selbst aber waren sie schwerer als die Finsternis.
Kapitel 18
1 Deinen Heiligen aber leuchtete das größte Licht. Jene hörten zwar ihre Stimme, sahen aber ihre Gestalt nicht, und priesen sie glücklich, weil sie nicht dasselbe erlitten hatten;
2 und weil diese ihnen nicht schadeten, obwohl ihnen zuvor Unrecht geschehen war, dankten sie ihnen und baten um Verzeihung für ihre Feindschaft.
3 Dafür gabst du ihnen eine feurige Säule als Führerin auf unbekannter Wanderung und eine unschädliche Sonne für die ruhmvolle Wanderschaft in der Fremde.
4 Jene aber verdienten es, des Lichtes beraubt und in Finsternis gefangen zu werden, weil sie deine Söhne eingekerkert hielten, durch die das unvergängliche Licht des Gesetzes der Welt gegeben werden sollte.
5 Als sie beschlossen hatten, die Kinder der Heiligen zu töten, und ein einziges Kind ausgesetzt und gerettet worden war, nahmst du ihnen zur Strafe die Menge ihrer Kinder und vernichtetest sie allesamt in gewaltigem Wasser.
6 Jene Nacht wurde unseren Vätern vorher kundgetan, damit sie, sicher wissend, welchen Eiden sie vertraut hatten, guten Mutes seien.
7 So erwartete dein Volk die Rettung der Gerechten und den Untergang der Feinde;
8 denn womit du die Widersacher straftest, damit hast du uns, die du zu dir riefst, verherrlicht.
9 Denn im Verborgenen opferten die frommen Kinder der Guten und setzten einmütig das göttliche Gesetz fest, dass die Heiligen gleichermaßen an denselben Gütern und Gefahren teilhaben sollten, und stimmten schon zuvor die Lobgesänge der Väter an.
10 Dagegen hallte das misstönende Geschrei der Feinde, und klagend erscholl die Stimme derer, die um ihre Kinder trauerten.
11 Mit gleicher Strafe wurde der Sklave zugleich mit dem Herrn gezüchtigt, und der Mann aus dem Volk erlitt dasselbe wie der König;
12 allesamt hatten sie durch dieselbe Art des Todes unzählige Tote. Denn die Lebenden reichten nicht einmal aus, sie zu begraben, da in einem einzigen Augenblick ihre edelste Nachkommenschaft vernichtet worden war.
13 Denn die, die wegen ihrer Zauberkünste allem misstraut hatten, bekannten beim Untergang der Erstgeborenen, dass das Volk Gottes Sohn sei.
14 Denn während tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht in ihrem raschen Lauf die Mitte erreicht hatte,
15 sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel herab, vom königlichen Thron, als ein unerbittlicher Krieger mitten in das dem Verderben geweihte Land, und trug als scharfes Schwert deinen unverstellten Befehl;
16 es stand da und erfüllte alles mit Tod; es berührte den Himmel und schritt zugleich auf der Erde.
17 Da erschreckten sie sogleich Erscheinungen furchtbarer Träume, und unerwartete Ängste überfielen sie;
18 und der eine hier, der andere dort halbtot hingeworfen, tat kund, aus welchem Grund er starb.
19 Denn die Träume, die sie verstört hatten, hatten ihnen dies vorher angezeigt, damit sie nicht umkämen, ohne zu wissen, weshalb sie Übles erlitten.
20 Auch die Gerechten traf eine Prüfung des Todes, und in der Wüste geschah ein Sterben der Menge; doch der Zorn blieb nicht lange bestehen.
21 Denn eilends trat ein untadeliger Mann als Vorkämpfer auf, indem er die Waffe seines Dienstes, das Gebet und die Sühne des Räucherwerks, herbeibrachte; er widerstand dem Grimm und setzte dem Unheil ein Ende und zeigte damit, dass er dein Diener ist.
22 Er besiegte den Zorn nicht durch Körperkraft, nicht durch Waffengewalt, sondern durch das Wort bezwang er den Strafenden, indem er an die Eide und Bündnisse mit den Vätern erinnerte.
23 Denn als die Toten schon haufenweise übereinander gefallen waren, trat er dazwischen, wehrte dem Zorn und schnitt ihm den Weg zu den Lebenden ab.
24 Denn auf seinem langen Gewand war die ganze Welt dargestellt, und die Ehrennamen der Väter auf den vier Reihen geschnittener Steine, und deine Majestät auf dem Diadem seines Hauptes.
25 Vor diesen wich der Verderber, diese fürchtete er; denn die bloße Prüfung des Zornes genügte.
Kapitel 19
1 Über die Gottlosen aber kam ein erbarmungsloser Zorn bis ans Ende; denn er wusste im Voraus auch, was sie tun würden:
2 dass sie, nachdem sie ihnen erlaubt hatten wegzuziehen und sie mit Eile fortgeschickt hatten, es bereuen und sie verfolgen würden.
3 Denn während sie noch die Trauer in Händen hielten und an den Gräbern der Toten klagten, fassten sie einen anderen Entschluss der Torheit und verfolgten die, welche sie flehentlich hinausgetrieben hatten, als Flüchtlinge.
4 Denn das verdiente Verhängnis zog sie zu diesem Ende und ließ sie das Geschehene vergessen, damit sie die noch fehlende Strafe zu den Qualen hinzufügten
5 und dein Volk eine wunderbare Wanderung erfahre, jene aber einen seltsamen Tod fänden.
6 Denn die ganze Schöpfung wurde in ihrer eigenen Art von neuem umgestaltet, deinen Befehlen dienend, damit deine Kinder unversehrt bewahrt würden.
7 Da war die Wolke, die das Lager beschattete, und aus dem zuvor bestehenden Wasser sah man trockenes Land auftauchen, aus dem Roten Meer einen ungehinderten Weg und ein grünendes Gefilde aus der gewaltigen Flut;
8 hindurch zog das ganze Volk derer, die von deiner Hand beschirmt waren, nachdem sie wunderbare Zeichen geschaut hatten.
9 Denn wie Pferde weideten sie und hüpften wie Lämmer und lobten dich, Herr, der du sie errettet hast.
10 Denn sie gedachten noch dessen, was in ihrer Fremdlingschaft geschehen war: wie die Erde statt der Erzeugung von Tieren Stechmücken hervorbrachte und der Fluss statt der Wassertiere eine Menge Frösche ausspie.
11 Später aber sahen sie auch eine neue Entstehung von Vögeln, als sie, von Begierde getrieben, üppige Speisen verlangten;
12 denn zu ihrem Trost stiegen ihnen Wachteln vom Meer herauf.
13 Und die Strafen kamen über die Sünder nicht ohne vorhergegangene Zeichen durch die Gewalt der Blitze; denn mit Recht litten sie für ihre eigenen Bosheiten, hatten sie doch einen noch ärgeren Fremdenhass geübt.
14 Denn jene nahmen die Unbekannten, die zu ihnen kamen, nicht auf; diese aber machten Fremde, die ihre Wohltäter waren, zu Knechten.
15 Und nicht nur das – vielmehr wird für jene noch eine gewisse Nachsicht gelten, weil sie die Fremden feindselig empfingen;
16 diese aber, die jene mit Festlichkeiten aufgenommen hatten, die schon derselben Rechte teilhaftig geworden waren, quälten sie mit furchtbaren Mühen.
17 Sie wurden aber auch mit Blindheit geschlagen wie jene an den Türen des Gerechten, als sie, von gähnender Finsternis umhüllt, ein jeder den Durchgang seiner eigenen Tür suchten.
18 Denn die Elemente, in sich selbst umgestimmt, wie auf einem Psalter die Töne den Charakter des Rhythmus verändern, während sie stets im Klang verharren – was sich aus dem Anblick des Geschehenen genau erschließen lässt:
19 Landtiere verwandelten sich nämlich in Wassertiere, und Schwimmendes ging über aufs Land;
20 das Feuer behielt im Wasser seine eigene Kraft, und das Wasser vergaß seine löschende Natur;
21 die Flammen hingegen versengten das Fleisch der leicht vergänglichen Tiere nicht, die darin umhergingen, noch schmolzen sie die schmelzbare, eiskristallgleiche Art der ambrosischen Speise.
22 Denn in allem, Herr, hast du dein Volk groß gemacht und verherrlicht und hast es nicht übersehen, sondern hast ihm zu jeder Zeit und an jedem Ort beigestanden.